Schweizer Messer fürs Schreiben

Für einen gelegentlichen Brief reichen Word oder Open Office aus. Werden Texte jedoch länger, komplizierter und bedürfen der Überarbeitung, kommt schnell der Wunsch nach besserer Software. Ob für Vereinszeitung, Blog, Diplomarbeit oder Roman – Alternativen gibt es viele. Aber ich habe nur einen Favoriten

Schweizer Messer für Autoren: Scrivener
Schweizer Messer für Autoren: Scrivener

Was ein gutes Schreibprogramm leisten sollte

Wer regelmäßig schreibt, sei es professionell oder als Amateur, erwartet mehr von einem Programm als einfach nur einen Text auf Papier zu bringen. Es sollte alle Phasen eines Projektes beflügeln, von der Recherche bis zum fertigen Produkt.

Für die Mehrzahl meiner Projekte nutze ich daher in irgend einer Phase Scrivener, auch die recht kurzen Texte dieses Blogs entstehen mit diesem Programm. Das ist, ursprünglich für den Mac entwickelt, inzwischen auch für Windows zu haben. Allerdings noch mit ein paar Funktionen weniger.
Um alle Funktionen ausführlich zu beschreiben benötigt das Handbuch aktuell 541 Seiten. Aber Scrivener ist so angelegt, dass man es ganz nach Bedarf nutzen kann. Als elektronische Schreibmaschine oder als hochkomplexes Tool um komplizierteste Texte zu erstellen und strukturieren.

Hier einige der Gründe, die Scrivener für mich unentbehrlich machen:

  • Ein anderer Ansatz

    Die meisten Schreibprogramme verwalten einen Text in einer einzigen Datei. Dies hat den Nachteil, dass Texte mit zunehmender Länge immer unhandlicher werden. Die Programme im schlimmsten Fall sogar abstürzen, Textverluste inklusive.

    Scrivener wurde von Anfang an für sehr lange Texte wie Romane, Dissertationen o.ä. entwickelt. Hier wird für jeden Abschnitt, für jedes Kapitel eine eigene Datei angelegt.

    Links in der Auswahl die einzelnen Dateien. Diese können im Editor fortlaufend bearbeitet werden.

    Bild 1: (Zum Vergrößern anklicken)
    Links ausgewählt, die einzelnen Dateien. Diese können im Editor fortlaufend bearbeitet werden.

     

    Das bestechende an Scrivener ist, dass dies für den Nutzer völlig im Hintergrund abläuft. Er kann sogar, wenn er dies wünscht, wie gewohnt in einem einzigen, übersichtlich zusammenhängenden Text scrollen und schreiben. Dies hat enorme Vorteile bei Sicherheit, Schnelligkeit und Flexibilität.

    Für diese Vorteile verzichtet Scrivener jedoch darauf, perfekt gestylte Endprodukte zu liefern. Dies wäre zwar möglich, aber viel bequemer erledigt man dies nach dem Export des fertigen Textes mit anderen Programmen wie z.B. dem OpenSource-DTP Programm Scribus. Oder eben mit Word & Co., wenn es nicht ganz so perfekt sein muss.

  • Recherche

    Jedes Projekt beginnt mit einer Recherche, einer Sammlung von Fakten, Ideen und Anregungen. Hierbei sammelt sich eine ganze Reihe von Infos an, die es zu verwalten gilt. Von Gesprächsnotizen über Bilder, Filme, PDFs, Webseiten, Scans bis hin zu Word-Dokumenten.
    Sobald klar ist, was davon relevant sein könnte, importiere ich alles nach Scrivener. Während des Schreibens kann ich mir nahezu jede gängige Datei innerhalb von Scrivener anzeigen lassen.
    Besser noch: Ich setze interne Scrivener-Links auf die zitierten Dokumente. Diese helfen später beim Faktencheck, wenn die Frage nach der Quelle eines Zitates aufkommt. Ein Klick in mein Scrivener-Dokument reicht und die Quelle ist auf dem Bildschirm, mögliche Fehler vermieden. So wird Scrivener selbst für Blogs und kurze Artikel interessant.

  • Denkhilfe / Strukturieren des Textes

    Es gibt viele Methoden, seine Gedanken beim Entwurf eines Textes zu ordnen. Ganz traditionell in Stichworten auf Papier, auf Karteikarten, als Mind-Map oder das gleiche als Programm im Computer. Scrivener bietet gleich mehrere Entwurf- und Strukturierungshilfen für alle Phasen des Projektes. Von der ersten Idee bis zur Überarbeitung eines dicken Wälzers.

    Drei Möglichkeiten, den Text umzustrukturieren: Links die einzelnen Dateien in einer Ordner-Struktur. Rechts oben die einzelnen Kapitel im Outline-Modus und unten in Form von Karteikarten.

    Bild 2: (Zum Vergrößern anklicken)
    Drei Möglichkeiten, den Text umzustrukturieren:
    Links die einzelnen Dateien in einer Ordner-Struktur.
    Mitte oben die einzelnen Kapitel im Outline-Modus
    Mitte unten in Form von Karteikarten.

    Für mich ist hierbei die sogenannte Pinnwand-Einstellung bestechend. Für jedes geplante Kapitel vergibt man eine Karteikarte, die man mit Stichworten geplanter Inhalte füllen kann und so den Aufbau des Textes spielerisch festlegt. Beim Schreiben des jeweiligen Kapitels wird die Karteikarte angezeigt und man verliert die Struktur des Gesamttextes nicht aus den Augen.

  • Schreiben und Überarbeiten

    Beim Schreiben kann man den Bildschirm-Hintergrund und das Programmfenster ausblenden. So schreibt man fast wie auf einer Schreibmaschine.
    Oder man nutzt die Möglichkeit, sich recherchierte Dokumente aller Art parallel anzeigen zu lassen.Bezieht man sich inhaltlich auf ein Quelldokument, kann man interne Links setzen, die einem später helfen, den Gedankengang besser nachzuvollziehen.
    Der Editor lässt sich horizontal oder vertikal teilen. So stimmt man bequem unterschiedliche Kapitel des gleichen Textes oder verschiedene Texte aufeinander ab.
    Der Revisionsmodus ist nicht so kompliziert wie bei Word. Texteingabe erfolgt einfach in einer anderen Farbe und kann angenommen oder verworfen werden. Gemeinsam mit „Schnappschüssen“ (sh. „Sicherheit“) lässt sich trotzdem vergleichbares erzielen.

    Ablenkung adjeu: Der Schreimaschienen-Modus.

    Bild 3:
    Fast wie eine Schreibmaschiene

    Schreibmaschiene 2

    Bild 4: (Zum Vergrößern anklicken)
    Auch im Schreibmaschienen-Modus lassen sich beliebige Informationen anzeigen.

    Obwohl das Projekt in vielen kleinen Dateien verwaltet wird, kann man darin wie in einem einzigen, großen Text lesen und schreiben.
    Möchte man die gesamte Struktur des Textes verändern, kann man ganze Bereiche mit der internen Dateiverwaltung verschieben, mit den vom Entwurf her bekannten Karteikarten spielerisch herumprobieren oder eine Outliner-Ansicht verwenden. (sh. Bild 2)
    Jedes Kapitel lässt sich darüber hinaus mit einer großen Vielfalt von Stichworten, Etiketten, Statusangaben und Metadaten versehen, die einem den Überblick auch in kompliziertesten Handlungssträngen mit Heerscharen von Protagonisten bewahren helfen.

  • Sicherheit

    Bei diesem Stichpunkt wird besonders deutlich, dass das Programm für Profis geschrieben wurde, die in ihren Text Wochen, Monate oder Jahre an Arbeit investieren.
    Gleich drei Sicherheitsebenen sind vorgesehen:

    Zunächst speichert Scrivener ohne Zutun des Autors im Hintergrund alle zwei(!) Sekunden die aktuelle Arbeit ab. Da die einzelnen Dateien so klein sind, merkt man davon nichts. Sollte der Rechner also wegen eines Problems in einem  anderen Programm in die Knie gehen – der  in den letzten zwei Sekunden geschriebene Text lässt sich bei Verlust leicht aus dem Gedächtnis rekonstruieren. Fünf Minuten können da schon eher problematisch sein.

    Innerhalb einzelner Kapitel ermöglichen sogenannte „Schnappschüsse“ das spielerische Überarbeiten der Texte. Später lassen sich verschiedene Text-Versionen vergleichen und ältere wieder rekonstruieren.

    Darüber hinaus kann man Backups des gesamten Projektes auf eine externe Festplatte oder einen Online-Speicher sichern lassen. Das schützt vor Totalverlust bei einem Defekt der Festplatte und geht natürlich vollautomatisch. Aber, wenn gewünscht, auch manuell: Wenn man etwa vor hat, einen ganzen Roman komplett umzustellen und sich die Option bewahren möchte, alles wieder rückgängig zu machen. Opfert man ein paar Gigabyte Speicherplatz, lassen sich sogar alle Stadien, selbst eines Großprojektes, komplett erhalten.

  • Preiswert und Fair

    Scrivener ist meines Erachtens seinen Preis wirklich wert: Die Windows-Version kostet ca. 32€, die zur Zeit noch etwas weiter entwickelte Mac-Version ca. 36 €.

    Überaus fair ist die Möglichkeit, eine Testversion uneingeschränkt dreißig reale Arbeitstage lang zu nutzen. Diese Frist ist so großzügig bemessen, dass sich auch größere Projekte in dieser Zeit umsetzen lassen.

    Darüber hinaus findet sich auf den Webseiten des Herstellers eine der umfangreichsten Linksammlungen zu Programmen für Autoren, die ich bislang im Web gefunden habe. Eigentlich alle ernsthaften Alternativen zu Scrivener, die ich kenne, sind dort vertreten. Man muss von seinem Produkt schon sehr überzeugt sein um für die Konkurrenz zu werben.

  • Nachteile

    Ja, auch Scrivener hat Schwächen und Nachteile.

    Zum Beispiel gibt es Scrivener inzwischen zwar in einer deutschen Sprachversion mit deutschen Menüs usw., das Handbuch und die Lehrvideos liegen aber nur auf Englisch vor. Das ist mitunter durchaus verwirrend.

    Der größte Nachteil ist jedoch für jeden Anwender, dass es eine Welt „draußen“ gibt. Solang man sein Projekt selbst bearbeitet und veröffentlicht, etwa als E-Book, ist alles perfekt. Man kann über die Exportfunktion sogar einfache Layouts erzeugen. Für solche Zwecke völlig ausreichend.
    Aber Dateien abwechselnd bearbeiten kann man komfortabel ausschließlich mit anderen Scrivener-Nutzern.

    Verlagen, Lektoren oder Redaktionen, die üblicherweise herkömmliche Text-Programme verwenden, wird man seinen Text in irgendeinem Stadium des Projektes als Word-Datei übergeben müssen.
    Und dann beginnt wieder das harte Leben voller Gefahren und Risiken…
    Aber zu diesem Zeitpunkt sind die kreativsten Teile der Arbeit glücklicherweise längst getan. Hilfestellung, wie man hier am besten vorgeht, findet sich im Nutzerforum. Die Scrivener-Community ist äußerst umtriebig und liefert unzählige Tipps und Tricks rund ums Schreiben.

    Ganz schwierig wird es, wenn formatierte Vorlagen wie z.B. Tabellen für Drehbücher ins Spiel kommen. Hier wird man nur unter größten Schwierigkeiten einen vernünftigen Workflow hinbekommen. Schade!

Weitere Infos

Ich konnte hier natürlich nur einige der für mich wichtigsten Vorteile von Scrivener vorstellen.
Den schnellsten Eindruck von Scrivener erhält man in einem Video des Entwicklers:
An Introduction to Scrivener“.
Darin stellt er in einem knapp zehnminütigen Parforceritt  die grundlegendsten Funktionen vor. Weitere Videos auf der Seite gehen auf spezielle Aspekte des Leistungsumfangs ein.
Im Web gibt es darüber hinaus eine ganze Community von Usern, die in Videos und Artikeln mitteilen, wie sie ihre Projekte mit Scrivener organisieren.

Aber natürlich ist es wie immer am besten, selbst damit zu schreiben. Scrivener bietet ein interaktives Tutorial (auf englisch…) an. Nach dessen Bearbeitung kennt man die meisten Möglichkeiten und weiß ob man Scrivener brauchen kann oder nicht.

Hier geht es direkt zur Seite des Entwicklers:
Literature & Latte.

Wichtig für Mac-User: Die Versionen aus Apple´s AppStore und die direkt vom Hersteller erworbenen unterscheiden sich leicht in Bezug auf die Nutzung von ICloud-Diensten. In Zeiten des NSA-Skandals vielleicht kein großes Argument mehr…

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