{"id":74,"date":"2014-05-14T16:22:06","date_gmt":"2014-05-14T14:22:06","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.rydl.de\/?p=74"},"modified":"2020-12-06T16:59:05","modified_gmt":"2020-12-06T14:59:05","slug":"verdirbt-geld-den-charakter","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/blog.rydl.de\/?p=74","title":{"rendered":"Verdirbt Geld den Charakter?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Seit Jahren immer wieder die gleiche Nachricht: Die Einkommen in Deutschland driften weiter auseinander. Reiche werden reicher, Arme bleiben arm. Und die dazwischen k\u00e4mpfen darum, das Erreichte \u00fcberhaupt zu halten. Auch hierbei waren die USA wieder einmal Trendsetter. Vielleicht haben deshalb auch amerikanische Psychologen genau hingeschaut und untersucht, wie Geld die Psyche ver\u00e4ndert. Was sie herausfanden, hat Auswirkungen auf die Gesellschaft in der wir leben\u2026<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<div id=\"attachment_75\" style=\"width: 861px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/blog.rydl.de\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/geldpaket_50_euro_k.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-75\" class=\"size-full wp-image-75\" src=\"http:\/\/blog.rydl.de\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/geldpaket_50_euro_k.jpg\" alt=\"Quelle: Deutsche Bundesbank\" width=\"851\" height=\"570\" srcset=\"http:\/\/blog.rydl.de\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/geldpaket_50_euro_k.jpg 851w, http:\/\/blog.rydl.de\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/geldpaket_50_euro_k-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 851px) 100vw, 851px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-75\" class=\"wp-caption-text\">Quelle: Deutsche Bundesbank<\/p><\/div>\n<p><strong>Eine Unterhaltung in der Warteschlange<\/strong><\/p>\n<p>Es ist mehr als f\u00fcnfzehn Jahre her und \u00e4rgert mich noch heute.<br \/>\nIn einer Warteschlange wurde ich notgedrungen Zeuge einer Unterhaltung zweier junger deutscher Manager. Hinter mir stehend unterhielten sie sich recht laut \u00fcber Halbprivates und Berufliches, beide hatten karrieretechnisch offenbar schon recht viele Sprossen ins leitende Management erklommen. Nach und nach entwickelte sich das Gespr\u00e4ch in Richtung der damaligen wirtschaftlichen Situation. Einhellig prophezeiten sie Deutschland den Niedergang. Alles w\u00e4re zu sehr reglementiert, freie Marktkr\u00e4fte h\u00e4tten keine Chance, die Steuern w\u00e4ren viel zu hoch und \u00fcberhaupt s\u00e4hen sie f\u00fcr sich nur noch in den USA eine Perspektive. Dort w\u00e4re ja sowieso alles besser.<\/p>\n<p>Mir raubte diese Undankbarkeit fast den Atem.<br \/>\nBeide hatten dem Gespr\u00e4ch zufolge ihre Ausbildung in Deutschland genossen. Kostenlos, da alles der geschm\u00e4hte Staat bezahlte, finanziert aufgrund der Solidarit\u00e4t (und der Steuern) ihrer Mitb\u00fcrger. F\u00fcr Abitur und Universit\u00e4tsabschluss von jedem der beiden zahlten ihre Mitb\u00fcrger je rund 120.000 \u20ac &#8211; vielleicht sogar mehr, falls einer dar\u00fcberhinaus Baf\u00f6g ben\u00f6tigte.<br \/>\nDies kam den Beiden offenbar gar nicht in den Sinn. Sie sahen ihre Situation als vollkommen selbstverdient an. Hatten ja ihre \u00fcppige Starthilfe l\u00e4ngst in der Tasche. Ber\u00fccksichtigten nicht, dass sie in den USA letztlich auch davon profitieren w\u00fcrden, dass hunderttausende jugendliche US-B\u00fcrger auf ein Studium verzichten m\u00fcssen. Allein aus wirtschaftlichen Gr\u00fcnden, obwohl diese eigentlich qualifiziert w\u00e4ren.<\/p>\n<p><strong>Das Monopoly Experiment<\/strong><\/p>\n<p>Seither geht mir dieses unfreiwillig belauschte Gespr\u00e4ch nicht mehr aus den Kopf. Es stellt sich mir immer wieder die Frage: Wie gelingt es Menschen, erhaltene F\u00f6rderung und Hilfe derart vollst\u00e4ndig zu verdr\u00e4ngen?<\/p>\n<p>Ziemlich genau in diese Richtung gehen Forschungen, die ein junger Wissenschaftler und sein Team am Institute of Personality and Social Research der University of California in Berkeley durchf\u00fchren. Sozialpsychologe Dr. Paul K. Piff untersucht mit interessanten und verbl\u00fcffend einfachen Experimenten den Einfluss von Geld und Besitz auf das menschliche Verhalten. Eine Kurzeinf\u00fchrung in seine Untersuchungen bietet er in seinem sehenswerten <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=OtU_nXV0i4E\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">TED-Vortrag \u201eThe science of greed\u201c (Wissenschaft von der Habgier)<\/a>. Einige seiner Ver\u00f6ffentlichungen kann man auf seiner <a href=\"https:\/\/faculty.sites.uci.edu\/piff\/publications\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Webseite<\/a> als PDF herunterladen.<\/p>\n<p>Hier das auf meine Frage passendste Experiment in K\u00fcrze:<br \/>\nZwei Spieler sollten Monopoly mit leicht abgewandelten Regeln gegeneinander spielen. Ihre jeweilige Rolle wurde durch M\u00fcnzwurf (Chance 50:50) festgelegt.<br \/>\nDer erste Spieler (arm) spielte nach normalen Regeln. Der zweite (reich) erhielt vor Beginn an doppelt so viel Geld, durfte jeweils doppelte Mieten verlangen, bei jedem Durchgang \u00fcber Start die doppelte Summe einstreichen und diese kassierte er im Durchschnitt auch doppelt so h\u00e4ufig, weil er statt einem, zwei W\u00fcrfel einsetzen durfte. Jedem, der Monopoly kennt ist vorab klar, wer bei solchen Regel\u00e4nderungen gewinnen muss.<\/p>\n<p>Abschlie\u00dfend sollten die (von Anfang an reichen) Gewinner die Gr\u00fcnde f\u00fcr ihren Sieg erl\u00e4utern. Dabei verdr\u00e4ngten sie vollkommen, dass letztlich der M\u00fcnzwurf und die dadurch bedingten Vorteile ihren Sieg bewirkten. Sie lie\u00dfen sich vielmehr \u00fcber die Art und Weise aus, wie sie welche Grundst\u00fccke wo strategisch kauften und so letztlich auch v\u00f6llig verdient gewannen.<\/p>\n<p>Wenn bereits imagin\u00e4rer Reichtum in einem Gesellschafts-Spiel dazu f\u00fchrt, dass man dazu neigt ungerechte Startbedingungen auszublenden, wundert es nicht mehr, dass die beiden von mir seinerzeit belauschten Manager einen reichlich verzerrten Blick auf die Grundlage ihres Erfolges hatten.<\/p>\n<p><strong>Reichtum macht gierig &#8211; Gierige werden reich<\/strong><\/p>\n<p>Piff zeigt in einer ganzen Reihe von interessanten Experimenten, dass nicht nur virtueller Reichtum in einem Experiment, sondern auch der soziale Status in der realen Welt unsere Einstellung zur Umwelt und damit unser Verhalten ver\u00e4ndern kann. Je h\u00f6her der soziale Status, desto unsozialer das beobachtete Verhalten. Fahrer teurer Autos bremsten an Zebrastreifen seltener f\u00fcr Fu\u00dfg\u00e4nger und fuhren auch sonst im Verkehr r\u00fcpelhafter. Reiche spendeten weniger an Bed\u00fcrftige, und waren eher bereit, Regeln &#8222;kreativ&#8220; auszudehnen. Sie stahlen sogar Bonbons, die f\u00fcr Kinder im Nebenraum reserviert waren. Und das nicht einmal mit schlechtem Gewissen, denn Habgier wurde von Probanden mit hohem Status sehr viel positiver beurteilt als vom Rest.<br \/>\nGeld macht frei k\u00f6nnte man meinen, frei jedenfalls von R\u00fccksicht auf andere. Denn wer genug besitzt, meint Piff, ben\u00f6tigt seltener die Hilfe anderer und muss sich daher auch weniger r\u00fccksichtsvoll verhalten.<br \/>\n<strong><br \/>\nReichtum und Politik<\/strong><\/p>\n<p><b><\/b>Geld macht aber auch m\u00e4chtig und einflussreich. Nicht umsonst geht die Einkommensschere in den wichtigen Volkswirtschaften immer mehr auseinander ohne dass die Politik wirkungsvoll entgegensteuert.<\/p>\n<p>Piff sieht aufgrund seiner Ergebnisse die Grundlage der amerikanische Gesellschaft gef\u00e4hrdet: den &#8222;American Dream&#8220;. Der besagt, dass jeder, der hart arbeitet, sozialen Aufstieg schaffen kann. Aber das geht bei ungerechten Spielregeln eben immer weniger.<br \/>\nUnd doch m\u00f6chte Piff auch Hoffnung vermitteln.<br \/>\nDenn im Experiment zeigte sich ebenfalls, dass bereits ein kleiner Ansto\u00df ausreichen kann, z.B. ein kurzer Film \u00fcber ein soziales Problem, die Bereitschaft einem v\u00f6llig Fremden zu helfen signifikant zu erh\u00f6hen. Das g\u00e4be laut Piff Hoffnung, dass auch Reiche umdenken k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Und das belegen, so Piff, \u00a0nicht zuletzt \u00a0Reiche wie Bill Gates, die das Problemen schon fr\u00fch erkannten und durch ihr pers\u00f6nliches und finanzielles Engagement versuchen aktiv gegen zu steuern.<br \/>\nUnd es g\u00e4be nat\u00fcrlich auch Reiche, die sich erst gar nicht umstellen m\u00fcssten, weil sie sich immer schon korrekt und sozial verhalten haben.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" style=\"display: none !important; visibility: hidden !important; opacity: 0 !important; background-position: 0px 0px;\" src=\"http:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/d990d756409647c7812ce207762dc5d5\" alt=\"\" width=\"0\" height=\"0\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit Jahren immer wieder die gleiche Nachricht: Die Einkommen in Deutschland driften weiter auseinander. Reiche werden reicher, Arme bleiben arm. 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